Mountainbike - Transalp - Alpencross - organisierte Touren

 

 

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Pressestimmen

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Bild Matthias Jurd

Auf dem Passo del Naret beginnt die lngste Abfahrt der ganzen Tour. Sie endet nach drei Studen und 2200 Höhenmetern weiter unten am Lago Maggiore in Locarno.

Achttausend Höhenmeter unter zwei Räder bringen


Eine Tour mit dem Mountainbike über die Alpen ist eine grosse Herausforderung für Mensch und Material – und trotzdem sehr erholsam.

Von Simon Eppenberger

Seit drei Stunden fahren wir bergauf, der Schweiss tropft mir von der Nase und ich frage mich, wie der Manfred das bloss durchstehen will. Der 45-Jährige neben mir ist nicht gross, doch er wiegt gut 100 Kilo. Er atmet schwer, sein Gesicht ist rot angelaufen. Trotzdem lächelt er unter seinem Schnauz hervor und meint, die Alpen seien für ihn als Flachländer einfach das Grösste. «Da wo ich herkomme, in der Nähe von Dresden, da sind die Berge höchstens 1400 Meter hoch.» Ich versuche, auch zu lächeln, und hoffe, dass Manfred weiss, auf was er sich eingelassen hat. Denn ich bin mir selber nicht sicher, ob ich die Alpenüberquerung gut überstehe.

Mit dem Mountainbike von Bad Ragaz nach Locarno, in fünf Tagen 250 Kilometer weit über Stock und Stein und dabei mehr als 8000 Höhenmeter überwinden, so etwas habe auch ich noch nie gemacht. Mit 29 Jahren bin ich zwar der Jüngste unter den sechs Deutschen und vier Schweizern unserer Gruppe. Doch sonst fahre ich lieber mit der Bergbahn rauf und dann schnell runter. Klar, auf diese Tour hin habe ich an meiner Ausdauer gearbeitet, bin brav um den Greifensee gerollt und öfter auf den Üetliberg gefahren. Nur ist Zürichs Hausberg nicht einmal 900 Meter hoch – und heute, am ersten Tag der Alpentour, fahren wir gleich 2200 Höhenmeter rauf.
Die Gruppe hat sich auseinander gezogen. Jeder fährt sein Tempo. Es ist ruhig geworden, sogar Manfred sagt nichts mehr. Die Sonne brennt. Ein Postauto hornt und braust vorbei. Die Stollen pneus rubbeln über den Asphalt, sonst ist es ruhig. Ein Vogel zwitschert, es riecht nach Heu. Nach dem Kunkel spass arbeiten wir uns hoch zum Glaspass, Kehre um Kehre durch den Nadelwald. Zum Glück fahren wir immer wieder an einen Brunnen heran. Kühles Quellwasser, dazu einen Riegel oder eine Banane – es gibt nichts Besseres.
Als ich oben auf dem Pass ankomme, sitzen Marathonfahrer Sascha aus der Eiffel und Triathletin Claudia aus dem Aargau bereits bei einer Apfelschorle in der Abendsonne. Sie lächeln. Ich auch. Es war zwar anstrengend, aber ich fühle mich gut. Und jetzt warten eine warme Dusche und frische Kleider auf mich


Ein Sturz, ein Platter, weiter geht
Am nächsten Tag geht es sogleich steil bergab ins Safiental. Fünf Minuten nach dem Start meint Wolfgang, mit 56 Jahren der älteste Teilnehmer, eine Abkürzung zu sehen. Er irrt sich, stürzt und schlägt mit dem Gesicht in der Kuhweide auf. Zum Glück blutet seine Nase kaum und die Prellung der linken Hüfte hält ihn auch nicht lange auf. Etwas später macht es  <<pfffff>>. Peter aus Zürich muss absteigen – Plattfuss. Die Abfahrt ist knifflig, Unterarme und Oberschenkel brennen. Die engen Kurven und spitzen Steine fordern volle Konzentration, das Adrenalin pulsiert. Schliesslich kommen wir heil unten an.  für solche Trails fahre ich gerne Berge hoch.
 Die frischen Heidelbeeren und das knusprige Brot beim Frühstück im Val Lumnezia sind sehr lecker. Ganz anders die Prognosen: Dauerregen.
Wir stecken die Ersatzkleider in Plastikbeutel und ziehen wasserdichte Socken, Regenjacke und Regenhose an. Mit Witzen über das Wetter versuchen wir uns aufzumuntern. Sie gehen im Prasseln des Regens unter. Hauptsache, wir erreichen Disentis und die warme Dusche.
 

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Es geht bergauf Richtung Obersaxen. Sascha fährt wie immer voraus, Manfred atmet wieder schwer und ich bin klatschnass – vom Schweiss. Die Regenkleider halten zwar das Wetter ab, dafür schwitzt man darunter auch tüchtig.
Plötzlich hört der Regen auf. Absteigen, Jacke in den Rucksack und weiter. Wir fahren durch Weiler und zwischen alten Heuschobern hindurch. Die Sicht auf die Berge ist glasklar. Als Wolken die Sonne verdecken, zieht Nebel auf und verschluckt uns innert Minuten. Es  wird kalt. Egal, Hauptsache, es regnet nicht. Und überhaupt, wir haben keinen Stress. Keine Pendenzen, keine Mails und kein Handy, das klingelt. Nur pedalieren, atmen, trinken.
Der Trail runter an den Rhein ist feucht, aber traumhaft. Zwischen Kuhfladen, Tannen und über glitschige Steine geht es steil bergab. Ein herrlicher Ritt. Plötzlich liege ich auf dem Boden. Mist, meine linke Schulter schmerzt. Ich hatte zu weit nach vorne geschaut und dabei ein Loch im Boden übersehen. Kurz darauf spickt mir ein Ast ins Hinterrad und reisst eine Speiche heraus. Auch Markus stürzt und zerreisst sich seine Lieblingshose. Fluchend fahren wir weiter.
Bei einem Teller Pasta in der Casa Tödi in Trun vergeht der Frust. Und als uns der Wirt erzählt, dass dort hinten in der Ecke jahrelang Alois Carigiet, der Autor des «Schellenursli» gesessen sei und dass  ich hier im Tal der Graue, der Zehngerichte und der Gotteshausbund 1524 zu Graubünden zusammengeschlossen haben, sind die Schmerzen und die Speiche vergessen.
«Dieser fliesst ins Mittelmeer, der dort drüben in die Nordsee», sagt Führer Boris am vierten Tag. Er zeigt auf zwei rauschende Bäche, dessen Wasser zwischen den Felsen weiss aufschäumt. Wir stehen an der Wasserscheide auf dem Passo del Uomo nahe des Lukmanierpasses. Nur das Klappern der Kette und die Pfiffe der Murmeltiere begleiten uns auf dem engen Trail bergab. Die Luft ist dünn, der Lago Ritom türkisblau. Wir sind die einzigen Biker, nur drei Wanderer kreuzen unseren Weg.
Manfred schnauft und schwitzt, sein Gesicht ist noch immer rot. Aber er pedalt den Berg hoch wie am ersten Tag. Wie er das durchhält? «Ich fahre nach Puls. Im Schnitt nicht mehr als 145 Schläge pro Minute», japst er. Und das Schnaufen sei normal. Er habe enge Atemwege in der Nase.

Das Bike geschultert den Berg hoch
Ich steige ab und gehe ein Stück. Das entlastet den Rücken und lockert die Beine. Heute stehen uns 1800 Höhenmeter  bevor. Mittlerweile ein Klacks, wären da nicht die 600 Höhenmeter schieben und tragen. Nach der Alp Cristallina ist es so weit. Ein Wanderweg geht steil nach oben. Über Stufen und Felsen tragen und schieben wir die Bikes. Stundenlang. Zwei Wanderer schütteln den Kopf. Immer wieder anhalten, verschnaufen, trinken. An der rechten Ferse drückt eine Blase. Vor mir geht Manfred den Berg hoch. Er trägt das Bike den ganzen Weg auf den Schultern. Nichts für mich.
Dann bin ich endlich oben auf 2400 Metern, auf dem Passo del Naret, dem höchsten Punkt der Tour. Die unzähligen Gipfel, der See, die klare Luft sind herrlich. Doch ich muss erst mal essen, trinken und trockene Sachen anziehen. In einer windgeschützten Mulde schauen wir in die Ferne und lachen über die Strapazen. Fortan geht es drei Stunden lang nur noch bergab, hinunter an den Lago Maggiore. In Locarno angekommen, springen wir samt Velohosen in den See, müde, aber glücklich. Niemand ist ernsthaft verletzt und wir könnten wohl noch weiterfahren. Nur etwas lässt mich grübeln: Ich weiss nicht, welche Tour ich als Nächstes unter die Räder nehmen soll.

 

Testbericht Mountainbike Juli 2006

Pass für echte Männer
Alpencross von Liechtenstein zum Lago Maggiore

Mountainbike Juli 2006Wenig Zeit, aber Lust, neue Wege zu befahren? Dieser Alpencross bietet Geheimtipps für jeden Geschmack, die bis heute zum Hoheitswissen eidgenössischer Insiderbiker gehörten. In fünf Tagesetappen fährt man vom Heidiland am Fusse des Taminatals bis zur Festivalstadt Locarno am Lago Maggiore. Dazwischen gibt ein Eldorado kurbelreicher Auffahrten, kniffliger Schiebepassagen und anspruchsvoller Singletrails dem ambitionierten Alpencrosser allerbeste Gelegenheit, sein alpines Fahrkönnen unter Beweis zu stellen. Die Bewährungsprobe bietet die schweisstreibende Überquerung des Alpenhauptkamms am Passo del Uomo. Unvergessliche bleibt die atemberaubende Plattenlandschaft hoch zum Passo del Naret. Diese Tour eignet sich besonders für geübte, bergsichere Bikerinnen und Biker mit einem Flair für helvetische Pionierrouten.

Leistungsdaten:
- Kondition:  mittel bis schwer
- Fahrtechnik:  mittel bis schwer
- Kilometer:  240km in 5 Tagesetappen
- Höhenmeter:  8'200 Höhenmeter netto
- Route:  Liechtenstein – Rhein – Sargans – Taminatal – Kunkelspass – Tamins – Reicheneau -  Hinterrhein – Domleschg/Heinzerberg – Glaspass – Safiental – Valser Tal –
 Obersaxen – Vorderrhein - Disentis – Val Medel – Lukmanier - Val Termine – Passo  del Uomo – Passo Piora – Lago Ritom – Valle Leventina – Val Bedretto –  Alp Cristallina – Passo del Naret – Lago Sambucco – Fusio – Valle Lavizzara –  Valle Maggia – Locarno – Lago Maggiore

Originalbericht aus der “Mountainbike”  Juli 2006
Alpencross:
Liechtenstein zum Lago Maggiore

Bericht WAZ Reise-JornalÜber alle Berge

Mit dem Fahrrad von Garmisch nach Südtirol

Mit dem Fahrrad über alle Berge: die Überquerung der Alpen auf zwei Rädern gilt auch unter erfahrenen Mountainbikern als Herausforderung. Das Reise Journal wollte es wissen und stieg selbst in den Sattel. Und tatsächlich: Mit etwas Kondition ist das Abenteuer Alpencross von fast jedem Radler zu bewältigen.

 Plopp, Plopp, Plopp. Das Geräusch von Stollenreifen auf Schotter. Klingt wie Popcorn. Mir ist aber nicht nach Kirmesnahrung. Der Schweiss brennt in den Augen, im Rücken zieht's, der Hintern taub, die Oberschenkel stehen in Flammen - genau so stelle ich mir eine Radtour vor. Immer wieder sucht der Daumen am Schalthebel instinktiv nach einem kleineren Gang - den's nicht mehr gibt. Wer weiß wie lange schon schleiche ich in der leichtesten Übersetzung über den knirschenden Untergrund. Langsamer geht nicht - sonst kippe ich um. Irgendwo hinterm Horizont muss die Hütte sein, in der ein Teller dampfender Käsespätzle wartet und dahinter eine kilometerlange Abfahrt 'runter ins Tal: Einfach rollen, ohne in die Pedale zu treten - was für ein Gedanke! Bis dahin aber geht's hier nur in eine Richtung: und zwar bergauf.

 Fünf Tage dauert unsere organisierte Alpenüberquerung. Vom Start in Garmisch-Partenkirchen bis zum Zielort Mals im Vinschgau werden wir - acht Teilnehmer und Tourleiter Boris - auf unseren Mountainbikes rund 240 Kilometer zurücklegen und dabei täglich etwa 1400 Höhenmeter klettern, abseits der Straßen, im Hochgebirge auf einsamen Schotterwegen und felsigen, geröllgespickten Pfaden, auf denen selbst Wanderer jeden Schritt mit Bedacht setzen. Übernachtung in kleinen Hotels in den Tälern, Gepäcktransport inklusive, immerhin.  Ein Abenteuer ist es trotzdem - zumindestens für einen Freizeitradler wie mich, der die Alpen gerade mal vom Blick aus dem Flugzeugfenster kennt.

 Dabei hat alles harmlos angefangen: Gemächlich sind wir um die Zugspitze geradelt, haben den Blick auf den grünen Eibsee genossen und sind durch Almwiesen gezuckelt, die wie Kräuterapotheken duften. Wir sind dem Lech stromaufwärts bis Steeg gefolgt und haben in der kühlenden Brise des Flusses gar nicht gemerkt, wie der Weg stetig angestiegen ist. Mit entschlossenem Jan-Ullrich-Killerblick sind wir Flexen- und Arlbergpass hochgekurbelt - nur um die so mühsam erkämpften Höhenmeter gleich darauf bei einer rasenden Abfahrt hinunter nach St. Anton wieder zu vernichten. Unten kochen die Bremsen, jemand aus der Gruppe sagt: “besser als Sex”. Niemand widerspricht.

 Bis dato vermeldet das Tourtagebuch einen Plattfuß, drei gebrochene Speichen und noch mehr schmerzende Hinterteile. Wir haben über Eidechsen und Schlangen am Wegesrand gestaunt und sind in zwei Tagen zum Team zusammengewachsen: Neun fahrradverrückte Kerle, die beim abendlichen Weizenbier über die wirklich entscheidenden Dinge des Lebens sprechen - über Plattfüße zum Beispiel. Oder gebrochene Speichen und schmerzende Hinterteile. Und dann das:

 “Eigentlich geht's erst morgen richtig los”, hatte Boris, unser Tourguide, am Abend der zweiten - ziemlich anstrengenden - Etappe verkündet. Und wie zur Erklärung das Stück Papier mit dem Höhenprofil der folgenden Tage herausgekramt: Ausschläge wie ein Lügendetektor beim Meineid! Tatsächlich. Gegen das, was vor uns lag, waren die beiden ersten Tage reine Spazierfahrten.

Auf der dritten Etappe von St. Anton nach Ischgl ändert sich die Landschaft dramatisch. Eben noch sind wir einem lieblich rauschenden Flüsschen namens Rosanna durchs grüne Verwalltal gefolgt, jetzt umgibt uns eine baumlose Mondlandschaft, aus der sich links und rechts karge Geröllflächen und steile Felsabbrüche erheben. Der breite Forstweg von eben ist zum Holper-Pfad verkümmert, der sich in wirrem Zick-Zack den schneebedeckten Gipfeln am Horizont entgegenwindet.

 Still ist es hier oben, nur der eigene Atem ist zu hören, das gelegentliche Pfeifen der Murmeltiere, in der Ferne ein paar Kuhglocken - und eben das ständige Plopp-Plopp-Plopp der Reifen auf dem Schotter. Unsere Gespräche über den Lenker hinweg sind verstummt  - und das hat nicht nur mit der Anstrengung zu tun: Jeder aus der Gruppe scheint heute erstmals die Faszination zu verspüren, die von dieser wilden Landschaft ausgeht. Hier oben erst wird uns richtig klar, welche Herausforderung es ist, diese gigantische Barriere aus Stein und Eis mit dem Fahrrad bezwingen zu wollen.

 Seit vier Jahren veranstaltet und leitet Boris Janning als Chef seiner eigenen kleinen Firma “alpencross.ch” Radtouren über die Alpen (siehe auch Rubrik “Tolle Typen”). Bei der Planung setzt der 38-Jährige auf eine so simple wie effektive Dramaturgie: An jedem Tag der Tour wird dem Körper mehr abverlangt, jedem Tag dem Auge mehr geboten. “Die beiden ersten Etappen sind für die Reparaturen und zum Einrollen”, sagt der gebürtige Münsterländer, “und dann ist man richtig drin.”

 Am vierten Tag überqueren wir die Grenze zur Schweiz. Vor uns ragt wie ein gigantischer Wegweiser das 3600 Meter hohe Fluchthorn in den Himmel. So hoch hinaus wollen wir zwar nicht - aber auch der Weg zum 2600 Meter hohen Fimberpass, dem höchsten Punkt der Tour- hat's in sich. Überall liegen Felsbrocken im Weg. Als habe jemand eine Lkw-Ladung Kohlköpfe verloren. Mit dem richtigen Fahrrad und entsprechender Fahrtechnik sind Kohlköpfe kein Problem - auch wenn sie aus Granit sind. Am Ende des Tages machen wir gegenseitig Fotos von den Pflastern auf unseren Knien...

 Immerhin, die Reifen halten. Irgendwann aber hilft keine Akrobatik mehr. Der Pfad wird steiler und steiler. Die letzten 300 Höhenmeter bis zum Pass müssen wir die Räder schultern. Verrückt: Wir sind zu Wanderern geworden, die Fahrräder über die Alpen schleppen. Immer wieder halten wir an, holen Atem, genießen die Aussicht und das Gefühl, es aus eigener Kraft hier hoch geschafft zu haben.

 Wir kapieren: ein Alpencross ist ein Fest für die Sinne. “Du musst Muße mitbringen, wenn Du durch die Berge fährst. Und zwischendurch mal innehalten und einfach schauen. Sonst begreifst Du überhaupt nicht, wo Du eigentlich bist”, sagt Stefan aus Bielefeld. Er ist sein achter Alpencross. Wer's einmal packt, heißt es, wird süchtig danach. Wie Frank aus München. Erst vor ein paar Wochen zuvor hat der 39-jährige Informatiker seinen erste Alpenüberquerung bewältigt - und war so begeistert, dass er eine zweite Tour buchte: “Das hier ist 'was anderes als immer an der Isar entlang.”

 Aber mittlerweile fast genauso entspannend: Seltsam, je länger die Tour dauert, je höher die Berge werden, desto besser kommen wir in den Tritt. Die bange Frage, die ich mir vor der Abfahrt in Garmisch gestellt habe, “packe ich das?” - vergessen! Selbst Benno aus Langenfeld, der mit 56 Jahren der älteste Teilnehmer ist und jede Etappenankunft im Tal zuerst mit einer selbstgedrehten Zigarette feiert, hält problemlos mit: “Wenn Du diese Landschaft siehst, vergisst Du jede Anstrengung.”

 Vinschgau - Italien. Wir sind am Ziel. Diesen Tag wird keiner von uns vergessen. Zum Finale Furioso hat uns Boris durch eine in den nackten Fels geschlagene Röhre geschickt. Das Val d'Uina ist das Nadelöhr auf dem Weg in den Süden. Hier steigen nur noch Lebensmüde aufs Rad. Der Weg ist rutschig und schmal. Am Rand geht's senkrecht abwärts. Und zwar ein paar hundert Meter. Wir schieben und drücken uns ganz dicht an den feuchten Fels.

 Unten in Mals feiern wir den bestandenen Alpencross mit einem dicken Gelati und schauen dabei irritiert gen Süden. Wir haben die Alpen überquert und doch liegen die dicksten Brocken noch vor uns. Wenn die Wasserscheide überquert wurde, klärt uns Boris auf, gelten die Alpen als überquert. Unten in Mals rauscht die Etsch. Tatsächlich könnten wir an ihrem Ufer entlang bequem Richtung Adria rollen. Ohne nennenswerte Steigung. Wie langweilig. Im Süden aber ragen Ortler und Stilfser Joch in den Himmel. Der nächste Alpencross kommt bestimmt..

 FRANK ROCZNIOK

Originalbericht aus dem “Reise Journal” der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) vom 09. Oktober 2004.
Der Journalist Frank Roczniok fuhr mit uns den Alpencross Zugspitze – Vinschgau.

Stichwort Alpencross:

 Beim Alpencross werden die Alpen von Nord nach Süd abseits der Straßen auf alten Handelswegen oder ehemaligen Militärpfaden überquert. Das Zeitfenster für einen Alpencross ist - witterungsbedingt - klein und liegt etwa zwischen Mai und September. Ein Alpencross kann in Eigenregie (nur alpenerfahrenen Bikern zu empfehlen) oder als organisierte Tour gefahren werden, die zahlreiche Veranstalter - z.B. alpencross.ch (Adresse siehe unten) - anbieten. Es gibt sehr viele Touren mit unterschiedlichen Gesamt- und Etappenlängen, Schwierigkeitsgraden, Start- und Zielorten. Als “Klassiker” gilt zum Beispiel die Strecke von Oberstdorf an den Gardasee. Mit einer Gesamtstreckenlänge von 240 Kilometern und insgesamt etwa 6400 Höhenmetern gehört der von uns gefahrene Alpencross Zugspitze – Vinschgau eher zu den kürzeren, mittelschweren Touren.

 Gerade Alpencross-Neulinge sollten sich einer organisierten Tour anschließen und eine leichte bis mittelschwere Strecke wählen. Die Vorteile der gebuchten Tour: Man muss sich weder um Streckenplanung noch um Unterbringung kümmern, gebuchte Touren beinhalten zudem in der Regel den Rücktransport zum Startort. Man fährt in der Begleitung erfahrener Guides, die die Strecke genau kennen. Praktisch ist es, wenn das Tourpaket zudem einen Gepäckservice beinhaltet, bei dem der eigene Koffer jeweils zum nächsten Etappenort gebracht wird.

 Ein Alpencross wird grundsätzlich mit dem eigenen Bike gefahren. Trekkingräder und Billigräder aus dem Supermarkt sind ungeeignet. Das Rad sollte zumindestens vorne gefedert sein.

 Eine gute Grundkondition ist ebenso Voraussetzung wie Sicherheit auf dem Rad und entsprechendes “Sitzfleisch”: Man sollte sechs bis sieben Stunden am Tag im Sattel sitzen können und längere Steigungen bewältigen. Gute Trainingsreviere vor der Haustür gibt es z.B. im Bergischen Land oder bei Langenberg oder Hattingen.

 Wir reisten mit alpencross.ch, Gerbestrasse 8b, CH-8840 Einsiedeln Schweiz,  0041/78 81 848 58, www.alpencross.ch. alpencross.ch hat mehrere Touren von “leicht bis schwer” im Angebot.

Literaturtipp: “Traumtouren TransAlp - Die schönsten Alpenüberquerungen mit dem Mountainbike” von Ulrich Stanciu, Verlag Delius Klasing, gebunden 256 Seiten, 48 €, ISBN: 3-7688-1270-7.

 

Mit dem Mountainbike zur Arbeit

 Schwierig, sich diesen Typen im Anzug vorzustellen:

 Wenn Boris Janning (38.J.) aus Einsiedeln in der Schweiz zur Arbeit geht, dann trägt er Radlerklamotten. Den Zweireiher hängte der gebürtige Münsterländer vor vier Jahren in den Schrank, als er seinen Posten als Unternehmensberater aufgab, in die Schweiz übersiedelte und dort seine Leidenschaft - das Radfahren - zum Beruf machte. Janning gründete das Unternehmen, dessen Name Programm ist: Unter dem Firmennamen alpencross.ch organisiert und begleitet er Mountainbiketouren unterschiedlicher Längen und Schwierigkeitsgrade über die Alpen.

 “Die Berge - das war für mich als Kind eine Barriere auf dem Weg in den Süden, ein Hindernis, das es auf dem Weg in den Urlaub zu überwinden galt. Irgendwann dachte ich mir, dass es noch andere Wege über die Alpen geben muss als die Brennerautobahn.” Janning hatte bereits mehrfach Deutschland durchradelt und Schweden und Ungarn auf zwei Rädern durchquert, als er die Alpen mit dem Trekkingrad in Angriff nahm: “Immer nur auf Asphalt - der ganze Verkehr. Ich konnte die Natur überhaupt nicht richtig geniessen.” Dann entdeckte er das Mountainbike.

 Robust, gefedert - perfekt, um die Alpen abseits der Straßen zu überqueren. Das intensive Naturerlebnis und das Gefühl, die gigantische Barriere der Alpen aus eigener Kraft zu überwunden zu haben, wollte Boris Janning irgendwann auch anderen Radfahrern ermöglichen. Von Beginn verfolgte er dabei seine eigene Philosophie: “Viele Veranstalter sprechen die super-sportlichen Radfahrer an, die zwar täglich zwölf Stunden auf dem Rad sitzen, aber nichts von der Gegend sehen. Ich wollte etwas machen für Leute, die zwar sportlich interessiert sind, aber dabei auch die Natur genießen wollen.”

 Zwölf bis 15 Touren leitet Boris Janning pro Jahr. Und das ist nur ein Teil der Arbeit. Bis eine Strecke wirklich so “steht”, dass sie gefahren werden kann, vergehen bis zu drei Jahre. Immer wieder fährt Janning auf seinem vollgefederten Enduro-Bike die Wege ab, sucht nach Alternativen und neuen, vielleicht noch schöneren Streckenabschnitten - um die Teilstücke dann irgendwann wie bei einem Puzzle zusammenzusetzen. Acht bis zehntausend Kilometer legt der Wahlschweizer im Jahr auf dem Fahrrad zurück. Langeweile gibt's nicht: “Und wenn Du eine Tour zum zwanzigsten Mal fährst, ist sie immer noch gut.”

FRANK ROCZNIOK

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